Balkan Affairs
mit Neue Vocalsolisten
Photo: Vedran Metelko
Dauer: 80 Min.
St. Elisabeth Kirche
Invalidenstraße 3, 10115
Neue Vocalsolisten
Johanna Vargas - Sopran
Susanne Leitz-Lorey - Sopran
Chiara Ducomble - Mezzosopran
Martin Nagy - Tenor
Guillermo Anzorena - Bariton
Andreas Fischer - Bass
Historische Beratung: Arban Mehmeti
Videoberatung: Mladen Ivanović
Ein Projekt von Musik der Jahrhunderte Stuttgart / Festival ECLAT / Neue Vocalsolisten
Vor dem Hintergrund eines auseinanderdriftenden, von Populismus und Krieg bedrohten Europas setzen sich sieben Komponist:innen aus den sieben aus dem ehemaligen Jugoslawien hervorgegangenen Republiken künstlerisch mit den Auswirkungen der Balkankriege auseinander - einem Erbe, das ihre Gesellschaften bis heute nachhaltig prägt. Ihre individuellen, einfühlsamen künstlerischen Statements werfen unterschiedlichste Perspektiven auf diese turbulente Zeit. Als Angehörige der jüngeren Generation haben sie den Krieg als Kinder, Jugendliche oder gar nicht erlebt. Aus der Begegnung mit den Stimmen und Persönlichkeiten der Neuen Vocalsolisten Stuttgart sind sieben performative Werke für Stimme und Elektronik entstanden.
Die Arbeit mit der menschlichen Stimme - die auf vielen Ebenen emotionale Zustände hervorrufen und gleichzeitig textliche Bedeutung vermitteln kann, immer verbunden mit dem Körper und der Persönlichkeit des Interpreten - stellt eine einzigartige künstlerische Herausforderung dar. Ein konstruktivistischer Kompositionsansatz bricht auf und legt eine hochemotionale, kraftvolle und zuweilen brutale Klanglandschaft frei.
Eine Bandbreite von Themen - von ernsten und ironischen Rückblicken bis hin zu Zukunftsperspektiven, von gesellschaftlichen Reflexionen über den Zusammenprall von Religionen und Ethnien, Hyperinflation, physischer und psychischer Gewalt - kulminiert in sieben auffallend unterschiedlichen konzertanten und musikdramatischen Werken.
Die anschließende begehbare Video-Installation konfrontiert uns mit einer Vielzahl von Stimmen. Interviews, die die Komponisten in ihren Heimatländern geführt haben – mit Familienmitgliedern, mit Menschen aus allen Bereichen der Zivilgesellschaft vom Taxifahrer in Sarajevo über den Hochschulprofessor in Belgrad bis zur ukrainischen Migrantin in Montenegro, unter ihnender kosovarische Theatermacher Jeton Neziraj, die slowenische Juristin Miša Zgonec-Rožej und ein AI Roboter – geben Einblick in die Herausforderung, wie das Zusammenleben in der Vielzahl von Nationalitäten, Ethnien und Religionen gemeistert werden kann.
In einer Coda werfen die Komponisten noch einmal eine andere Perspektive auf die Themen. War der Konzertteil ein Rückblick auf die explosive Zeit der 90er Jahre, sind die kurzen musikalischen Werke nun fragende Ausblicke in eine Zukunft zwischen Illusionslosigkeit und Hoffnung.
Programm
Part 1: Сoncert
Hanan Hadžajlić (Bosnia)
Requiem ex Machina for six amplified voices (2022/23)
Jug Marković (Serbia)
NULA for six voices (2022)
Ana Pandevska (North Macedonia)
Electroacoustic mantra „From ex YU to EU“ for soprano, mezzosoprano and fixed media (2023)
Nina Perovic (Montenegro)
Penetrations III for six voices and electronics (2023/2025)
Petra Strahovnik (Slovenia)
SCREAdoM for five voices, sound installation and electronics (2023)
Helena Skljarov (Croatia)
The Blue Giraffe for five voices, electronics and video (2023)
Ylli Daklani (Kosovo)
New work (2025)
Part 2: The Fragile Art of Living Together
7-Kanal-Videoinstallation
Part 3: Coda
Einblicke in eine ungewisse Zukunft
Mitwirkende

neue vocalsolisten stuttgart
vokalensemble
Die Sängerinnen und Sänger der Neuen Vocalsolisten verstehen sich als Forscher und Entdecker: Im Austausch mit Komponisten sind sie ständig auf der Suche nach neuen Formen vokalen Ausdrucks. Ein Schwerpunkt liegt auf der Zusammenarbeit mit Künstlern, die die Möglichkeiten digitaler Medien virtuos ausschöpfen und ein Interesse am Networking, am Spiel mit Genres sowie an der Auflösung von Raum, Perspektiven und Funktionen haben. So entstehen eigensinnige interdisziplinäre Formate zwischen Musiktheater, Performance, Installation und Konzertinszenierung, die die Projekte des Ensembles prägen – dessen Arbeit mit über 30 Uraufführungen pro Jahr weltweit als führend und einzigartig im Bereich zeitgenössischer Vokalkunst gilt.
Die Neuen Vocalsolisten wurden für ihren Beitrag zur zeitgenössischen Vokalmusik mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Silberne Löwe der Biennale di Venezia 2021 und der italienische Kritikerpreis Premio Abbiati 2022. Die Jury der Biennale erklärte, dass die Neuen Vocalsolisten ein Ensemble seien, dessen kreative Zusammenarbeit mit einigen der bedeutendsten lebenden Komponisten die Entwicklung des zeitgenössischen A-cappella-Repertoires maßgeblich vorangetrieben habe.

helena skljarov
komponistin
Helena Skljarov (*1993 in Zagreb, Kroatien) schloss 2017 ihr Studium der Musikwissenschaft an der Musikakademie der Universität Zagreb mit einer Arbeit über die Analyse der Musik des 20. Jahrhunderts ab. 2014 nahm sie an der gleichen Universität ihr Kompositionsstudium bei Berislav Šipuš auf. 2018 erhielt sie ein Stipendium der Kroatischen Komponistengesellschaft Rudolf und Margita Matz. Darüber hinaus nahm sie an verschiedenen Meisterkursen teil, u.a. bei der Internationalen Sommerakademie Wien, am Festival »Mixtur« in Barcelona sowie an der Musikakademie Zagreb und in Aix-en-Provence. Neben Werken für verschiedene Soloinstrumente schrieb sie für Kammerensembles und Orchester sowie zwei Opern. Ab Herbst 2019 studierte sie in Lyon bei Martin Matalon. Im Juli 2020 schloss sie ihr Kompositionsstudium mit ihrer Oper »Nothing. Almost« für Stimmen, Instrumente und Elektronik auf Texte von Daniil Charms ab. Ihr Streichquartett »Silence« wurde für die ISCM World New Music Days 2021 in Shanghai und Nanjing ausgewählt.

hanan hadžajlić
komponistin
Hanan Hadžajlić (1991, Bosnien und Herzegowina) hat einen BA- und MA-Abschluss in Flöte und in Komposition an der Musikakademie der Universität von Sarajevo absolviert. Derzeit ist sie Doktorandin im Fach Flöte (Klasse Ljubiša Jovanović) an der Fakultät für Musik in Belgrad. Darüber hinaus promoviert sie in transdisziplinären Studien über zeitgenössische Kunst und Medien bei Andrija Filipović und Miodrag Šuvaković an der Fakultät für Medien und Kommunikation in Belgrad.
Hanan Hadžajlić hat an Kompositionsseminaren von Heiner Goebbels, Philippe Manoury, Peter Ablinger, Vinko Globokar, Wolfgang Rihm, Dieter Ammann und Michel van der Aa teilgenommen. 2016 war sie Stipendiatin der Science Underground Academy und 2017 beim Lucerne Festival Composer Seminar. Werke von Hanan Hadžajlić wurden in vielen Ländern Europas, in Israel und in den USA aufgeführt. Sie ist Mitglied von SONEMUS (Society of New Music Sarajevo) und Direktorin von INSAM (Institute of Contemporary Art Music, Sarajevo).

jug marković
komponist
Jug Marković (*1987 Belgrad, Serbien) studierte Komposition (MA) an der Universität der Künste in Belgrad sowie Archäologie. Es folgte ein mehrjähriger Studienaufenthalt in Paris, wo er am IRCAM den Kurs für Komposition und Computermusik absolvierte. Als Komponist arbeitet er in der akustischen, elektroakustischen und elektronischen Musik. Dabei geht er meist intuitiv vor und versucht, in seiner Musik auf strenge Konzepte und formalistische Systeme zu verzichten zugunsten von stilistischer Heterogenität, der Hybridität von Genres und der Erforschung/Rekontextualisierung von Verfahrensweisen und Klanggesten, die historisch mit bestimmten Bedeutungen und Konnotationen aufgeladen wurden. Seine Leidenschaft gilt insbesondere der elektronischen Musik und ihrem Potenzial, mit Genres und Erwartungen zu jonglieren. Seine Werke wurden bei vielen renommierten Festivals für neue Musik in Europa aufgeführt (wie z.B. ManiFeste, Donaueschinger Musiktage, Biennale Nemo, Time of Music, Festival d’Aix-en-Provence, New Music Dublin). Vielfach wurden sie bei Wettbewerben ausgezeichnet. Aktuell arbeitet er an Werken für das IRCAM und das Divertimento Ensemble.

ana pandevska
komponistin
Ana Pandevska (*1985 in Skopje, Mazedonien) ging nach ihrem Schulabschluss am Musik- und Ballett-Bildungszentrum Ilija Nikolovski–Luj mit einem Stipendium für zwei Monate in die USA an das Department of Composition am Interlochen Arts Camp in Michigan. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie als Freiwillige im Folklore-Ensemble Tanec und später als Klavierlehrerin an der Credo-Musikschule. Sie ist langjähriges Mitglied in mehreren Chören: Piccolo, St. Zlata Meglenska, Tanec. Ana Pandevskas besonderes Interesse gilt der Vokalmusik, der Folklore und dem Jazz, was sich in einigen ihrer Kompositionen unter anderem als Polystilistik und Mehrstimmigkeit niederschlägt. Seit einigen Jahren forscht sie auf dem Gebiet der elektroakustischen Musik.

nina perović
komponistin
Nina Perović (*1985, Montenegro) absolvierte ihr Kompositionsstudium an der Musikakademie in Cetinje bei Žarko Mirković. Gleichzeitig erwarb sie einen BA und einen Fachabschluss in Klavier in den Klassen von Aleksandar Serdar und Vladimir Bochkariov. Mit einem Basileus-Stipendium setzte sie ihr Kompositionsstudium an der Musikakademie in Ljubljana bei Uroš Rojko fort, wo sie ihren MA-Abschluss erwarb. Sie promovierte an der Fakultät für Musik in Belgrad bei Srđan Hofman. Außerdem war sie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz im Postgraduiertenstudiengang für Komposition eingeschrieben, betreut von Klaus Lang. Flankiert wurde ihr Studium von Meisterkursen bei Manos Tsangaris, Enno Poppe, Vinko Globokar, Stefan Prins. Der Werkkatalog von Nina Perović umfasst Arbeiten (akustisch und elektronisch) für Sinfonieorchester, Vokal- und Kammerensembles und Soloinstrumente. Außerdem schreibt sie für Theater und Film sowie für Kinderprojekte. Derzeit arbeitet sie als Dozentin für Musikanalyse, Kontrapunkt und Arrangieren an der Musikakademie in Cetinj und als Professorin für Musikanalyse. Sie ist Mitglied der Abteilung für Musik an der Montenegrinischen Akademie der Wissenschaften und Künste.

petra strahovnik
Komponistin
Petra Strahovnik (*1986 in Slowenien) studierte Komposition bei Uroš Rojko, Martijn Padding und Peter Adriaansz. Mit dem Stück »Prana’« für Sinfonieorchester gewann sie beim 66. Internationalen Rostrum of Composers. Im Rahmen einer Art Residency mit dem Ensemble Modelo62 entwickelt Petra Strahovnik das Projekt »DisOrders«. Dabei handelt es sich um mehrere Kunstwerke, die Musik und Performance-Kunst mit der Frage kombinieren, wie wir in unseren Gesellschaften mit psychischer Gesundheit umgehen. Petra Strahovnik war u.a. Stipendiatin und Artist in Residence an der Villa Concordia Bamberg (Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst). Außerdem wurde sie mit dem Berliner Kunstpreis für Musik 2021 ausgezeichnet (Akademie der Künste Berlin). Die Komponistin begreift sich selbst »esoterisch gesprochen als Passagier in der gegenwärtigen Zeit und im gegenwärtigen Raum, offen für auftauchende Gedanken, für das Schaffen von Ideen, für das Sammeln von Stücken für die künstlerische Arbeit, die den Verstand bewegen«.

ylli daklani
komponist
Ylli Daklani (1998) ist ein kosovarischer Komponist aus Albanien. Geboren in Mitrovica, Kosovo, begann seine musikalische Laufbahn als Chorsänger in seiner Heimatstadt. Er studierte Komposition an der Universität Prishtina bei den Professoren Drinor Zymberi und Mendi Mengjiqi sowie Dirigieren bei Professor Edon Ramadani.
Ylli Daklani wurde mit Preisen beim Kompositionswettbewerb Artistes en Herbe (2017), beim 11. pre-art Wettbewerb für junge Komponistinnen und Komponisten in der Schweiz (2018), beim Kompositionswettbewerb des Prishtina International Vocal Festival 2018 in Kosovo sowie bei der ersten Ausgabe des Balkan Composer Competition in Prishtina (2019) ausgezeichnet. Er nahm an Meisterkursen bei Thomas Simaku (Albanien) und Jérôme Comte (Klarinette, Frankreich) teil, später auch bei Marco Stroppa und Franck Bedrossian, und absolvierte einen Residenzaufenthalt an der Cité Internationale des Arts in Paris. Im Jahr 2021 gewann er den ersten Preis für Komposition beim Ars Kosova Music Competition, 2022 den ersten Preis beim Chopin Piano Fest, 2023 erneut beim Balkan Composer Competition in Prishtina. Kürzlich wurde er auch beim 7. Krzysztof Penderecki International Competition for Young Composers mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Seine Werke wurden unter anderem vom Kosovo Philharmonic Choir, dem Oerknal Ensemble und dem Nouvel Ensemble Contemporain (NEC) aufgeführt.